|
|
|
Häuptling Hungrige Leber kehrt zurück!
Mancher glaubte ihn schon mit Fuß und Leber im Grab. aber Shane MacGowan ist zäh wie die irische Tradition. Die will er mit seiner neuen Band The Popes und dem Album "The Snake" vor dem retten, was man zu Zeiten für ihn selbst befürchten mußte: "Sie wird sterben, wenn sich niemand um die kümmert."
Der Künstler
Weihnachten 1958 in Kent geboren, kam Shane erst so richtig auf die Welt, als er seine erste Flasche Guinness öffnete und kurze Zeit später in den Trubel der englischen Punk-Revolte geriet. Beides geschah um das Jahr 1977, und schon nach kurzer Zeit versetzte das irische Nationalnahrungsmittel und die wilden Klänge der frühen Sex Pistols und Clash den schmächtigen Jungen mit den vom Großvater geerbten Zähnen in die Lage, eine Band zu gründen. Die trug den eindeutigen Namen The Nipple Erectors, später auf The Nips verkürzt, und MacGowan alias Shane O'Hooligan London gebärdete sich auf der Bühne in bester Johnny-Rotten-Manier. Nach einem Album, das erst 1980 erschien und den bezeichnenden Titel "Only The End Of The Beginning" trug, begegnete Shane Spider Stacy, mit dem er in Steve Strangers In-Club "Cabaret Futura" mit einem Repertoire aus irischen Protestliedern für Furore sorgte.
Mittlerweile auf sechs Köpfe angewachsen, probte das Ensemble ab 1983 den historischen Schulterschluß zwischen Punks und Folkies, der bis dahin undenkbar erschien. Undenkbar blieb es jedoch für die britischen Radiosender, die Debüt-Single "Dark Streets Of London" zu spielen, weil dazu eine Nennung des Bandnamens nötig gewesen wäre. Der lautete Pogue Mo Chone, zu deutsch etwa "Leck mich am A..." und wurde daher auf Anraten der neuen Plattenfirma auf Pogues verkürzt.
Ein kluger Zug: Schon das Debüt-Album "Red Roses For Me" enterte furiose Kritiken, der Nachfolger "Rum, Sodomy & The Lash", vom Elvis Costello produziert, katapultierte die biergetränkte Horde in höchste Charts-Regionen. Zum 25-Jahre-Jubiläumskonzert der irischen Institution Dubliners fanden sich auch die Pogues ein, die gemeinsame Version von "The Irish Rover" wurde ein Smash-Hit", noch erfolgreicher war die Zusammenarbeit mit Kirsty MacColl auf Fairytale Of New York".
Nunmehr mit Ex-Clash-Zahnlücke Joe Strummer an der Gitarre, bereitete sich die Folk-Punk-Bande nach dem immens erfolgreichen Album "If I Should Fall From Grace With God" auf den Sprung nach Amerika vor - von dem MacGowan nicht viel mitbekam, weil sich seine anfangs belächelten und als Teil der unberechenbaren Bühnenshow verstandenen Trinkgewohnheiten inzwischen zu einem dauernden Höchstpegel ausgewachsen hatten. Fotos des Sängers, meist bewußtlos in einem Scherbenhaufen liegend oder wenigstens kurz davor, zeichneten ein deutliches Bild seines Zustandes, nach zwei weiteren Alben kam es schließlich 1991 zur Trennung in Freundschaft, weil MacGowans (Un-)Gesundheit weiteres Touren (oder auch nur das Behalten der Texte oder aufrechten Gang) nicht mehr zuließ. Die Lücke füllte zunächst Joe Strummer, nach dessen Abschied übernahm Spider Stacy die Titelrolle. Gerüchte über eine baldige Rückkehr der Trinkmaschine auf wacklige Bühnenbretter, die streng limitierte Single "Church Of The Holy Spook" und der treffend betitelte Nachfolger "That Woman's Got Me Drinking" hielten das Interesse am Köcheln, jetzt hat ein offensichtlich gesundeter MacGowan seine neue Band mit dem beziehungsreichen Namen The Popes erstmals auf Albumlänge im Studio versammelt und einige illustre Gäste dazu geladen.
Das Album
Die Achse London-Dublin - in beiden Städten entstanden die Aufnahmen der zehn Songs - bleibt für Shane MacGowan bestimmend: Zwischen rauhen Rhythm'n'Blues, punkigem Folk, rauchiger Melancholie und straightem Gitarren-Rock mit Thin-Lizzy-Einflüssen pendelt er in bekannt souveräner Manier hin und her, läßt auch mal den Pogues-Tanz fröhliche Urständ feiern ("Aisling") und zeigt vor allem Herz für irische Wurzeln: "Wir folgen einer Tradition, die seit Jahrtausenden auf mündlicher Überlieferung beruht, nichts wurde aufgeschrieben. Ich habe mal in Kent gesehen, wie eine 'Ceili' gefeiert wurde, mit Bodhrans und allem drum und dran. Sowas ist selten geworden, irgend jemand mußte es fortführen."
Zu den heidnischen Päpsten gehören die Gitarristen Kieran O'Hagan und der Dubliner Punk-Veteran Paul McGuinness, Schlagzeuger Danny Heatleys Vater war mal Bassist bei den Faces, und seinen Bassisten Bernie France lernte Shane kennen, während er in London das "College Of Further Education" besuchte. Die alten Pogues-Mitzecher Jem Finer und Spider Stacy führen die Gästeliste an, Barney McKenna und John Sheahan vertreten die Dubliners, und unter anderem zeigt auch Johnny Depp mal wieder an der Slide-Gitarre, daß er als Schauspieler vielleicht doch den Beruf verfehlt hat.
Den Ko-Produzenten Dave Jordan, der sich mit seine Arbeit für die Specials und Fun Boy Three einen Namen machte, kannte Shane noch aus wilden Pogues-Tagen, gemixt hat Steve Brown, der da auch für The Cult und die Manic Street Preachers zu tun pflegte.
"The Snake" ist ein mitreißendes und vielseitiges Album geworden, das neben der ausgelassenen Party'n'Booze-Atmosphäre, für die man den Mann mit dem Friedhof im Mund kennt, genügend Platz für die ernsthafte Aufarbeitung jenes gewaltigen musikalischen Fundus bietet, den die irische Musik darstellt. Vieles, was unter dem Etikett der Bewahrung von Traditionen geschieht, ist kaum mehr als Leichenfledderei und grausame Entstellung. Shane MacGowan ist authentisch - the real stuff.