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Wehmut kommt auf, wer die Pogues bei ihrer diesjaehrigen Deutschlandtour beobachtet. Eine Band, die einen Meilenstein in der irischen Musik setzte, indem sie eine voellig neue Musikrichtung kreierte, genannt Folk-Punk, nun abgedreht zur langweiligen Popband. Die Hallen sind merklich kleiner geworden, von der ehemals beruehmt-beruechtigten Pogue-Mahone- (gaelisch: leck mich am Arsch) Mentalitaet nichts mehr zu spueren.
Spaetestens jetzt ist klar geworden, dass es eigentlich Shane MacGowan, ehemaliger Songwriter, Saenger und Entfant Terrible war, der die Band ausmachte. Zugegeben, die Pogues hatten es nicht leicht mit Shane: Sie legten Wert auf Perfektionismus - er vergass manchmal auf der Buehne seine Texte. Sie wollten ausgedehnte Touren - er toente lautstark, dass er das Touren hasse. Je mehr sich die Pogues den Gesetzen des Musikbusiness anpassten, desto mehr scherte sich Shane einen Dreck darum. Hinzu kam noch sein legendaerer Alkohol- und Drogenkonsum, mit dem die Band ebenfalls nicht klar kam. Als es im Spaetsommer 1991 waehrend einer Japan-Tour zum Knall kam, und die Pogues sich von Shane verabschiedeten, dachten viele, Shane MacGowan's Untergang sei damit besiegelt. Aber er selbst dachte nicht daran, unterzugehen. Stattdessen arbeitete er in der Zwischenzeit mit Kuenstlern wie Nick Cave, mit dem er im November 1992 den Louis-Armstrong- Klassiker "What A Wonderful World" coverte, Alan Stivell, auf dessen demnaechst erscheinendem Best-Of-Album er einige Songs in bretonisch singt und The Jesus and Mary Chain, auf deren neuem Album er ebenfalls zu hoeren sein wird.
Ich treffe Shane in einem Nord-Londoner Pub und bin ueberrascht, wie lebendig, voller Energie und Motivation er ist. Allen Unkenrufen zum Trotz sieht er seiner Zukunft postitiv entgegen.
ZILLO: Shane, es gibt so viele Gruechte ueber deinen Austritt bei den Pogues. Es ist von boeswilligem Imstichlassen deinerseits die Rede. Dann widerum hoert man, die Pogues haetten dich gefeuert. Was ist die Wahrheit?
Shane: Was die Wahrheit ist? Ich habe drei bis vier Jahre lang versucht, die Band zu verlassen.
ZILLO: Du hast es versucht, aber du hast es nicht getan.
Shane: Yeah, aber ich wollte es drei bis vier Jahre lang tun. Es gab ein paar Gruende, vor allem musikalische, warum ich einfach keine Lust mehr hatte, mit ihnen weiterzuarbeiten. Am Ende gaben sie mir recht und sagten, es sei fuer alle Beteiligten das beste, wenn ich aussteigen wuerde.
ZILLO: Wenn ihr euch im Einverstaendnis getrennt habt, warum aeussern sie sich neuerdings bei jeder Gelegenheit negativ ueber dich?
Shane: Machen sie das? Was genau sagen sie?
ZILLO: Darryl Hunt z.B. hat in verschiedenen Interviews gesagt, dass die Pogues schon immer eine Popband waren, du dieses aber nicht akzeptieren konntest. Ausserdem wolltest du deine Songs bei den Konzerten immer bevorzugt wissen.
Shane: Es faellt mir schwer zu glauben, dass Darryl so einen Mist erzaehlt haben soll. Ich hasse es, meine eigenen Songs zu singen, und ich liebe es, die von anderen zu singen. Darry weiss das, deshalb wuerde ich es nicht verstehen, wenn er so etwas sagt. Ich habe absolut nichts gegen Darryl und gegen den Rest der Band. Sie sollen ihre Musik machen, und ich mache meine. So einfach ist das. Wo ist das Problem?
ZILLO: Du hast in diesem Sommer auf dem "Fleadh Mor Festival" in Tramore/Irland dein Debuet-Konzert mit deiner neuen Band The Popes gegeben. Kritiker und Fans waren begeistert. Sag' mal was ueber deine neue Band.
Shane: Ja, ich habe eine neue Band zusammen. Die Basis bilden Bernie France (Bass), Danny Heatley (Schlagzeug), Mo O'Hagan (Gitarre), und Colm O'Maonlai, der Bruder von Liam O'Maonlai von den Hothouse Flowers (Floete und Blechfloete), und ich (Banjo und Gitarre). Aber ich werde auch mit Gastmusikern arbeiten, z.B. einem Geigen- und einem Akkordeonspieler - aller Knopfakkordeon - denn Pianoakkordeon mochte ich noch nie besonders.
ZILLO: Welche Art von Musik koennen wir in Zukunft von dir erwarten?
Shane: Ich moechte bei den fruehen Pogues anknuepfen, so nach dem dritten Album (Anm.: "If I Should Fall From Grace With God). Gute irische traditionelle Musik, etwas mehr Rock'n'Roll und etwas Blues und Country. Nicht so etwas wie dieses "Waiting For Fred", oder wie sie es nennen.
Er meint damit das neue Pogues-Album "Waiting For Herb" und amuesiert sich koestlich ueber seinen gelungenen Witz. Dabei praesentiert er sein ansteckendes, beruehmtes Lachen, bei dem man Schwierigkeiten hat, es zu beschreiben. Irgendwie liegt es zwischen den Geraeuschen einer Toilettenspuelung und dem Klappern einer Klapperschlange.
ZILLO: Moechtest du zu dem neuen Album der Pogues noch etwas sagen?
Shane: Nein, eigentlich nicht - oder doch? Nein! Ich moechte dazu sagen, dass ein paar gute Songs darauf sind. Ich habe immer versucht, die Band zu veranlassen, sich mehr einzubringen, denn es gibt einige gute Songwriter und Saenger in ihr. Das haben sie jetzt getan - ein neues Album mit neuem Material.
ZILLO: Stimmt es, dass du einen Plattenvertrag fuer vier Alben bei ZTT unterschrieben hast? ZTT ist bekanntlich sehr waehlerisch in der Auswahl seiner Kuenstler. Wie ist es dazu gekommen?
Shane: Du meinst, wie ich das geschafft habe? Es hat zwei verdammt lange Jahre gedauert, bis wir alles geklaert hatten. Es war gar nicht so einfach, ganz ohne Manager.
ZILLO: Du hast keinen Manager?
Shane: Nein, ich habe in der Vergangenheit mit Managern keine besonders guten Erfahrungen gemacht, deshalb bin ich jetzt mein eigener Manager.
ZILLO: Meinst du, das funktioniert?
Shane: Yeah, warum nicht?
ZILLO: Wann wird das erste Album von Shane MacGowan und The Popes auf den Markt kommen?
Shane: So um den St. Patrick's Day (Anm.: 17. Maerz 1994). Wir sind im November in Dublin im Studio und spielen die letzten Songs ein.
ZILLO: Du hast oft gesagt, dass du das Touren hasst. Heisst das, es wird nach dem Erscheinen des Albums keine Konzerte geben?
Shane: Ja, ich habe dieses staendige Touren gehasst. Es zerstoerte mein soziales Leben, es zerstoerte die Beziehung zu meiner Verlobten, und am Ende zerstoerte es meine Seele. Ich habe mich jetzt vielleicht davon erholt, aber es hat zwei Jahre lang gedauert.
ZILLO: Also keine Tour?
Shane: Ich habe gesagt, ich habe das staendige Touren gehasst. Wenn das Album auf dem Markt ist, wird es einige, wenige Konzerte geben.
ZILLO: Wo?
Shane: Zuerst Dublin, London, Glasgow und Belfast. Dann machen wir einige Gigs in Deutschland. Danach Norwegen, Schweden, Daenemark und Finnland, und dann wuerde ich noch gerne nach Italien und Spanien gehen.
ZILLO: Das hoerst sich doch wieder nach Tourstress an, oder?
Shane: Nein, wie ich schon sagte, es wird in jedem Land nur einige, wenige Konzerte geben.
ZILLO: Hattest du eigentlich in der Vergangenheit Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen, oder kennst du nur die Flughaefen, Hotels und Konzerhallen?
Shane: In den ersten Jahren hatte ich noch Gelegenheit dazu. Spaeter war es dann nicht mehr moeglich. Wenn ich jetzt unterwegs bin, moechte ich auf alle Faelle mehr von dem Land kennenlernen, in dem ich gerade bin. Ich war immer gerne in Deutschland - wegen der vielen Biersorten und so - und ich liebe auch Italien und Spanien.
ZILLO: Du hast schon oefters erwaehnt, dass du beabsichtigst, ein Buch zu schreiben. Wie weit bist du damit?
Shane: Ich habe hundertmal angefangen, mehrere Buecher zu schreiben.
ZILLO: Und warum hast du es nie zu Ende gebracht?
Shane: Ein Buch schreibt man nicht, wie man einen Song schreibt. Das ist etwas ganz anderes, denn es ist viel mehr Arbeit. Nach einiger Zweit habe ich immer das Interesse verloren.
ZILLO: Klar, es ist viel Arbeit, und noch mehr wenn man es mit der Hand schreibt. Warum sprichst du nicht einfach auf Band und laesst es dann schreiben? So machen es doch viele Schriftsteller.
Shane: Nein, so moechte ich nicht arbeiten. Ich liebe alles Geschriebene.
ZILLO: Eine letzte Frage Shane.
Shane: Wie, war's das schon?
ZILLO: Eigentlich ja, es sei denn du moechtest noch unbedingt was loswerden - vielleicht eine Message an deine Fans?
Shane: An meine Fans? Oh yeah - buy me a drink and let me fuck you!
ZILLO: So etwas in der Art habe ich fast erwartet. Nun aber meine letzte Frage: Ist deine Lebensqualitaet jetzt eine bessere, ich meine, bist du jetzt gluecklicher?
Shane: Oh ja, das bin ich!
Waehrend Shane die naechte Runde bestellt, faellt mir auf, dass ich ihn seit langer Zeit nicht mehr so geloest und motiviert erlebt habe. Aber es waere voellig falsch zu denken, es gaebe einen neuen, gelaeuterten Shane MacGowan, der allen Lastern entsagt hat und jetzt auf einem Gesundheitstrip waere. Es scheint, als ob er seinen Alkohol - und Drogenkonsum auf ein fuer ihn ueberschaubares Mass reduziert hat, oder zumindest hat er gelernt, besser damit umzugehen. Er ist immer noch der, der sich lieber mit dem Underdog indentifiziert als mit den Reichen, Privilegierten oder den Pseudo-Intellektuellen. Aber er wird sich nicht wie ein Underdog behandeln lassen. Shane macht ein neues Album, und es soll ein gutes werden. Deshalb wird er die Zuegel selbst fest im Griff behalten, d.h. die Produktion sehr sorgfaeltig ueberwachen und sich von niemandem reinreden lassen
All right Shane, we're waiting for The Popes.