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In der Vergangenheit ist viel über den Ex-Pogue und Songwriter Shane MacGowan geschrieben worden - meistens Dinge, die ihn nicht gerade als einen sympathischen Zeitgenossen erscheinen lassen. Sein Negativ-Image verfolgt ihn auf Schritt und Tritt: verrottete Zähne, ständig sturzbesoffen, masenhafter Drogenkonsum - ein Gratwanderer in allem, was dröhnt. Dazu rüpelhaft, unberechenbar und sehr schwer zugänglich, vor allem für Presseleute - so sagt man jedenfalls. Ein erstes Album mit seiner neuen Band The Popes ist Grund genug, die sich um ihn rankenden Gerüchte zu überprüfen.
Ob mit oder ohne Zähne, Shane hat das Lachen trotz allem nicht verlernt, denn wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten. Und er hat allen Grund dazu, denn womit viele seiner Kritiker nicht mehr gerechnet haben, ist jetzt eingetroffen: Shane MacGowan und seine neue Band The Popes haben ihr erstes Album, "The Snake" (ZTT / WEA) herausgebracht.
Wir treffen uns zu einem Interview in einem Londoner Irish Pub und setzen uns an die Bar. Er bestellt einen dreifachen Martini mit einem Spritzer Sprite, aufgefüllt mit Mineralwasser und sehr viel Eis. Dazu trinkt er ein schwedisches Bier,das er von zu Hause mitgebracht hat. Shane wirkt etwas ärgerlich, aber zugleich in sich gekehrt. Er sagt minutenlang kein einziges Wort. Nach vorsichtigem Nachhaken erfahre ich, daß er heute Nachmittag einen Fototermin für ein namhaftes englisches Musikmagazin hatte, der nicht gerade angenehm für ihn war. "Der Fotograf war eine absolute Diva", platzt er los. "Er hat die ganze Zeit nur an mir herum genörgelt. Ich durfte dies nicht und das nicht, dieses und jenes war nicht in Ordnung an mir und meine Zigarette durfte nicht mit auf' s Foto. Es wird behauptet, daß Künstler oft Diven seien, aber in diesem Fall war das genau umgekehrt. Ich hasse Leute, die sich so benehmen. Und ich habe keine Lust, mich für einen Fotografen zu stylen, weil das nichts mit Image zu tun hat."
Ich frage ihn, warum er nicht einfach gegangen sei, oder ob er dann eventuell Probleme mit seiner Plattenfirma bekommen hätte. "Ja, vielleicht", meint er. "Eine Weile war ich geduldig, aber dann habe ich angefangen, mit dem Fotografen zu diskutieren. Wir wurden ziemlich laut. Später klappte die Zusammenar beit etwas besser, aber trotzdem war es die unangenehmste Fotosession, die ich je erlebt habe - der reinste Horror!"
Geht ihm, der fast drei Jahre lang nur wenige Konzerte und Interviews gegeben hat, das Musikbusiness schon wieder auf die Nerven? "Ja, manchmal schon. Am schlimmsten ist es, wenn ich jeden Tag zwei oder drei verschiedene Dinge tun muß: Interviews geben, das Album promoten, Fotosessions abhalten und langweiligen Reportern die immer gleichen langweiligen Fragen beantworten. Eine Weile ist das schon in Ordnung, aber ich habe keine Lust, so etwas jeden Tag zu tun. Manchmal ist es aber auch lustig. Erst vor kurzem war ein Reporter hier, mit dem es richtig Spaß gemacht hat. Er verstand meine Witze und lachte darüber, aber mehr noch machte er sich heimlich über seine Kollegen lustig. Ich denke, dieser Typ hatte viel mit mir gemeinsam. Er schien auch gerne zu trinken, jedenfalls sah er so aus. Wir hatten offensichtlich die gleiche Art von Humor."
"Ich würde mich jetzt gerne mit dir über dein neues Album unterhalten." Es wird Zeit, auf sein neues Album zu sprechen zu kommen, und ich frage ihn, ob er damit hundertprozentig zufrieden ist. "Yeah, ich bin sehr zufrieden mit dem Album",antwortet Shane, "aber ich bin sicher, ich könnte ein noch besseres machen. Wenn ich nicht dieser Meinung wäre, würde ich gar keins mehr machen, oder?"
Das Album enthält entweder Rock- oder Folksongs. Orientalische, femöstliche oder experimentelle Klänge, wie sie bei den Pogues an der Tagesordnung waren, fehlen gänzlich, und ich möchte wissen, warum. "Nun, ich denke schon, daß einige Songs dazwischen liegen. Das Album geht den ganzen Weg, vom Rock bis zum wirklichen Irish Folk. Jetzt, da es mit "The Rising Of The Moon" und dem Instrumental zwölf statt der ursprünglich geplanten zehn Songs beinhaltet - da habe ich mich bei meiner Plattenfirma durchgesetzt - würde ich es als Irish Rock Album bezeichnen, denn sogar die Rock Songs wie z.B. "Church Of The Holy Spook" und "I'll Be Your Handbag" sind auch mit Banjo instrumentiert. Was die orientalischen Klänge betrifft, so hatten wir ursprünglich eine Version des Songs "Victoria" , in dem auch eine elektrischen Sithar gespielt wurde. Aber wir haben uns dann doch für die Rockversion entschieden, weil wir Brian Robertson von Thin Lizzy für den Gitarrenpart bekommen konnten. Außerdem war es eigentlich Jem, der diese orientalischen Songs mochte. Ich war eigentlich immer der "straight one" bei den Pogues."
Wir kommen auf den Titel des Albums zu sprechen. "The Snake" (Die Schlange) erscheint mir ziemlich simpel. Warum gerade dieser Titel? "Das war der einzige Titel, auf den die Plattenfirma und ich uns einigen konnten," sagt Shane. "Ich habe denen ungefähr 60 oder 70 Titel vorgeschlagen, die sie nicht akzeptierten. Zum Schluß kam der Fotograf Andy Catlin, der mit mir zusammen das Plattencover gestaltet hat, mit der Idee, das Album .The Snake' zu nennen. Mir gefiel der Titel, denn man kann gerade die Schlange mit unterschiedlichen Dingen wie z.B. mit der Vertreibung aus dem Garten Eden in Verbindung bringen. In fernöstlichen Philosophien gilt sie wie der Drache als heilige Kreatur , und ihr wird ein guter Geist zugeschrieben. Vielleicht hätte ich das Album 'The Salmon' (Der Lachs) nennen sollen. Der Lachs ist nämlich das altertümliche, irische Äquivalent zum Drachen oder zur Schlange."
Der Produzent des Albums, Dave Jordan, und Paul MacGuinness von den Popes gesellen sich zu uns. Eine neue Runde wird geordert. Der Abend scheint gemütlich zu werden. Außer der limitierten CD Single "Church Of The Holy Spook" haben die Popes den Song "That Woman's Got The Drinking" ausgekoppelt, bei dem Schauspieler Johnny Depp Gitarre spielt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit, möchte ich wissen. "Johnny Depp?" wiederholt Shane. "Ja, wir sind Freunde! Wir haben auch ein Video zu dem Song gedreht. Der Star ist Johnny Depp und ich und Victoria. Johnny führte auch die Regie. Er spielt einen Betrunkenen, Vicky spielt die Frau, die der Grund seines Saufens ist, und ich spiele den nüchternen Barmann. Zum Schluß bekomme ICH die Frau, aber vorher schlage ich ihn mit einem Billardstock, weil er sich ziemlich rüpelhaft benimmt und Flaschen auf den Tresen schmeißt. Johnny spielt den Betrunkenen absolut brillant, wirklich realistisch. Er ist ein toller Schauspieler!"
Hinter vorgehaltener Hand amüsiert sich Shane darüber, daß bei den Dreharbeiten in Wirklichkeit Johnny Depp stocknüchtern, er aber etwas ange-trunken gewesen ist. Nun tritt genau das ein, was ich die ganze Zeit befürchtet habe. Shane redet über Filme, eines seiner Lieblingsthemen. Er fragt mich, wie einzelne Dialoge aus irgendwelchen Filmen ins deutsche übersetzt worden sind, aber meistens muß ich passen. Irgendwann unterbreche ich ihn, denn mir ist aus aktuellem Anlaß urplötzlich eine interessante Frage eingefallen, mit der ich das Interview, beenden möchte: "Was sagst Du dazu, daß die IRA ihre Waffen niedergelegt hat?" Shane ist über den abrupten Themenwechsel zwar etwas verwundert, zeigt jedoch sofort Engagement: "Ich finde das großartig! Aber die bescheuerte englische Regierung sollte jetzt auch anfangen mit Sinn Fein (Anm: Der politische Arm der IRA, bedeutet WIR SELBST) zu reden, statt die Stimmen von Schauspielern dazu zu verwenden. Weißt du, als Gerry Adams im englischen Fernsehen interviewt wurde, konnten man ihn sprechen sehen, und man konnte auchhören, was er sagte, aber es war nicht seine Stimme, die da sprach. Weiß der Himmel, warum. Das ist Teil der englischen Politik! Sie behaupten, Gerry Adams sei ein Terrorist, obwohl er ein Politiker ist. Das soll vielleicht bedeuten, daß kein Terrorist im englischen Fernsehen sprechen darf. Die Stimme des Schauspielers ist viel tiefer als Gerry Adams Stimme, und der nachgemachte nordirische Dialekt ist dazu noch schlecht. Da kannst du mal sehen, sie konnten dafür noch nicht einmal einen richtigen Iren bekommen. Aber das würde auch kein Ire riskieren. Wenn man herausfände, wer er ist."
"Das ist unglaublich!" bringe ich vorsichtig ein. "Ja, es ist unglaublich, aber solche Dinge passieren hier. Ich bin wirklich stolz darauf, daß es gerade die IRA war, die zuerst ihre Waffen niedergelegt hat - die Briten haben das nicht getan, die englischen Soldaten auch nicht, und die protestantischen Gruppen UDF (Ulster Defence Forces), UDA (Ulster Defence Army) und UFF (UlsterFreedom Fighters) haben es ebenfalls nicht getan. Also sollte die bescheuerte englische Regierung endlich anfangen, mit Sinn Fein in Verhandlungen zu treten, sollte mit den Iren über Irland reden. Was machen die da drüben überhaupt? Also, ich hoffe wirklich, daß die englische Regierung diese Chance nicht ungenutzt vorübergehen läßt. Sogar Maggie Thatcher hätte die Chance genutzt - wenn sie sich ihr damals geboten hätte - diese unglückselige Angelegenheit ein für allemal zu klären, ich meine, endlich Frieden zu bekommen, aber John Mayor...." - Shane macht eine wegwerfende, verächtliche Handbewegung, aber wir wissen, was er meint. Zum Schluß bitte ich ihn noch um ein gutes Schlußwort. "Meinst du so etwas wie die letzten Worte, die berühmte Leute gesagt haben, als sie im Sterben lagen?" fragt er amüsiert. Das habe ich natürlich nicht gemeint, aber interessieren würden sie mich schon."Nun, auf meinem Sterbebett könnten sie lauten: Lend me ten pounds and I'll buy you a drink' (Leih' mir zehn Pfund, und ich gebe dir einen aus), aber für das heutige Interview stehle ich mir einfach die letzten Worte, die Jesus am Kreuz gesagt hat: Es ist vollbracht! "
Ja, Shane ist mißtrauisch geworden, denn die Presse hat ihm in den vergangenen Jahren oft übel mitgespielt und tut es teilweise noch heute. Ihm wurde zu oft das Wort im Mund herumgedreht, wenn er anders als die meisten Musiker bereitwillig, ehrlich, manchmal fast naiv Auskunft über seine Laster, seine Denkweise oder sein Leben und Wirken im allgemeinen gab. Der Mensch, Songwriter, Musiker und Sänger Shane MacGowan kam dabei meistens zu kurz. Er selbst hat dieses Image nie akzeptiert. Und es wird ihm auch nicht gerecht, denn hinter dem potentiellen Gaffer-Opfer verbirgt sich ein sehr sensibler, hochintelligenter Mensch, der manchmal gegen den Strom schwimmen muß, um er selbst bleiben zu können - vielleicht sogar, um zu überleben.