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Man muß schon eine Menge Zeit und Geduld mitbringen, um ein Interview mit Shane MacGowan (Ex-Sänger und Songwriter der Pogues) auf die Reihe zu bekommen. Am besten, man nistet sich samt Verpflegung für drei Tage in ein Londoner Hotel ein, lässt das Telefon keine Minute mehr aus den Augen und versucht krampfhaft die Nerven zu behalten. Obwohl ich in den letzten Jahren viele Interviews mit Shane MacGowan gemacht habe und somit mit dem Chaos, das dieser Mann scheinbar magisch anzieht, bestens vertraut bin, erstaunt es mich jedesmal wieder, wenn es noch grösser ist als beim letzten Mal.
Nach drei Stunden habe ich Shanes Manager, Joey Cashman, endlich am Apparat, der leicht zerknirscht meint, Shane sei schon fast auf dem Sprung nach Irland, aber er würde natürlich sein bestes versuchen. Als ich drei weitere Stunden nichts von Cashman höre, klingel ich Shane selbst aus dem Bett, der noch gar nichts von dem geplanten Interview weiss. Er macht den konstruktiven Vorschlag, sich mit mir um 21.00 Uhr in seinem Stammpub zu treffen. Aus Erfahrung weiss ich, dass er frühestens 23.00 Uhr damit meint, als er aber um 0.30 Uhr immer noch nicht aufgetaucht ist, werde ich langsam nervös. Doch schliesslich klopft Mr. MacGowan an die Hintertür und bittet um Einlass. Zum Interview hat er dann keine Lust, sondern schlägt vor, diese Nacht als "just for the enjoyment" anzusehen. Als ich mich - recht angeheitert - im Morgengrauen von ihm verabschiede, meint er, ich solle ihn um die Mittagszeit anrufen, um ein neues Treffen zu vereinbaren. Dazu kommt es aber erst gar nicht, denn am späten Vormittag ruft mich sein Manager aufgeregt mit der Botschaft an, "Shane sei irgendwie verloren gegangen". Als Shane endlich gefunden wird, geht es ihm nicht besonders gut, d.h. das Interview wird auf den nächsten Tag verschoben.
Nach endlosen Telefonaten soll das neue Treffen um 22.00 Uhr im gleichen Pub stattfinden, aber es wird 1.30 Uhr bis Shane, diesesmal in Begleitung von Joey Cashman, erscheint. Wir reden über sein neues Album "The Crock Of Gold":
Zillo: Dein neues Album hat viel mehr positive Energie als das letzte. Ich meine damit nicht nur die Texte, die teilweise wirklich lustig sind, sondern die ganze, positive und kraftvolle Atmosphäre, die es ausstrahlt. Es hat den Anschein, als ob du nicht mehr im Zorn zurückblickst, sondern munter in die Zukunft schaust.
Shane: Ja, das stimmt. Das liegt daran, daß meine Plattenfirma mich bei den Aufnahmen des vorherigen Albums enorm unter Druck setzte. Und ich selbst hatte auch keine klare Linie, sondern spielte stattdessen mit verschiedenen Musikrichtungen herum, die mich aber alle irgendwie nicht befriedigten. Das neue Album ist das beste, das ich seit "If I Should Fall From Grace With God" gemacht habe. Es knüpft an die frühen Pogues an, geht also "back to the roots". Ich hatte in der Tat viel positive Energie, als es aufgenommen wurde und habe sogar das Plattencover selbst gemalt.!
Zillo: Wie bist du eigentlich auf den Titel "The Crock Of Gold" gekommen? Ist das nicht die Geschichte, in der jemand einen Topf voll Gold am Ende des Regenbogens findet?
Shane: Ja, da gibt es ein gleichnamiges Buch von James Stevens, dem großartigen, irischen Schriftsteller, der übrigens Flann O'Brien massgeblich beeinflusst hat.
Zillo: Im Song "Mother Mo Chroi" geht es um jemanden, der von Irland nach London geht, weil er sich dort das grosse Glück erhofft. Aber nach ein paar Jahren stellt er fest, dass er eigentlich nicht dorthin gehört. Ist das nur das übliche Klischee, das bekannte Heimweh der Iren, die ihr Heimatland aus der Distanz glorifizieren, oder planst du wirklich eines Tages nach Irland zurück zu gehen?
Shane: Es ist nicht das übliche Klischee - ganz und gar nicht - meine Entscheidung steht fest, ich werde eines Tages zurückgehen.
Zillo: In "St. John Of Gods" sind ein paar merkwürdige Geräusche, die an lautes Türenschlagen erinnern. Was hat es damit auf sich?
Shane: St. John Of Gods ist eine Dubliner Nervenklinik. Ich möchte diese Geräusche nicht näher erklären. Jeder sollte seine eigenen Eindrücke aus dem Song gewinnen. Dich erinnern die "merkürdigen Geräusche", wie du sie nennst, vieleicht an das Zufallen von schweren Türen, ein anderer assoziiert vielleicht etwas ganz anderes damit. Manchmal sind die Herzen der Menschen zur gleichen Zeit nicht an der gleichen Stelle.
Zillo: Welches wird eigentlich die erste Single-Auskopplung aus "The Crock Of Gold" sein?
Shane: "Lonesome Highway", eine langsame Ballade, eine "Schmuse-Ballade", die sehr stark durch die 60er Jahre Band "Them" beeinflusst ist. Sie basiert zwar auf irischer, traditioneller Musik, mit irischen Instrumenten, hat aber auch eine spanische Gitarre. Die spanische Gitarre spielt übrigens Ed Deane.
Zillo: Du hast in diesem Jahr auf den grossen Sommerfestivals in Englnd, Irland und New York ganz schön abgeräumt.
Shane: Ja, ich hatte Glück, daß wir auf den "Guinness Fleadh Festivals" in London und New York, sowie auf dem "Great Homecoming Festival" in Cork als Headliner für den erkrankten Bob Dylan einspringen konnten. Aber wir haben auch das "Phoenix" in England und ein grosses Festival in Finnland gespielt, das im Internet ausgestrahlt wurde.
Zillo: Und die BBC hat eine große Dokumentation über dich gedreht, die kürzlich, an einem Samstagabend, zu bester Sendezeit, ausgestrahlt wurde.
Shane (grinst velegen): Das stimmt. Die Dokumentation heisst "The Great Hunger". Darin haben sie mein Leben, von meiner Kindheit an, systematisch aufgerollt. Es beinhaltet viele Interviews, z.B. mit Bono von U2, Nick Cave, Sinead O'Connor, Christy Moore und Steve Earle. Aber es kommen auch meine Eltern und ein paar andere Leute, wie z.B. Musikjournalisten zu Wort ... und ich selbst natürlich auch! Alles in allem bin ich mit der Dokumentation recht zufrieden.
Zillo: Du bist auch neuerdings in der Werbebranche tätig.
Shane: Die BBC hat einen Werbespot über die BBC gedreht, in welchem wir, das sind mehr als zwanzig Künstler, wie z.B. Elton John, Suzanne Vega, Bono, Tom Jones, David Bowie, den alten Lou Reed Klassiker "Perfect Day" singen ... jeder ein kleines Stück.
Zillo: Alles in allem scheint es dir ja recht gut zu gehen.
Shane: Ich kann mich nicht beklagen. Jetzt muss sich nur noch das Album gut verkaufen.
Zillo: Was sind deine nächsten Pläne?
Shane: Wir stellen gerade eine Tour zusammen, und im Dezember touren wir durch England und Irland. Deutschland steht dann im Frühjahr auf dem Programm.
Zillo: Okay, gibt es noch etwas, was du sagen möchtest?
Shane (strahlt): Eigentlich nicht, lass uns lieber noch was trinken!
Dazu ist leider nicht mehr viel Zeit, denn es ist mittlerweile fast 6 Uhr morgens, und mein Flieger geht um 8 Uhr. Als wir uns verabschieden, entschuldigt sich Shane für das Chaos der letzten drei Tage, und man hat das Gefühl, dass er es wirklich ehrlich meint. Wie auch immer, ich bin froh, dass es mit dem Interview überhaupt noch geklappt hat und ich nicht unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren muss. Ausserdem ist Shane ein Mensch, dem man sowieso nicht böse sein kann ... und das nicht, weil er als einer der besten irischen Songwriter und als "lebende Legende" gehandelt wird, sondern weil er ganz einfach ein sympathischer und umgänglicher Bursche ist. Es bleibt nur zu hoffen, dass er seine "Gewohnheiten" auch weiterhin so gut im Griff hat,wie das momentan der Fall ist. Was sein neues Album betrifft, so scheint er jedenfalls den "Topf voll Gold" am Ende des Regenbogens gefunden zu haben ... und das mitten in Irland!